2015 – mein Blick zurück

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Mein geistiger Vater gönnt sich was …😉 Frohe Weihnachten und auf ein gutes neues Jahr – Prost!

Hallo, liebe Freunde,
das Jahr neigt sich dem Ende zu und es wird Zeit, Rückschau zu halten.
2015 war reich an Ereignissen, die ich zum großen Teil durch die Augen meines geistigen Vaters gesehen und mit seinen Ohren gehört habe. So ist es nun mal, wenn man sich als fiktive Person in einer realen Welt bewegt. Man braucht ein Medium, über das man sich mitteilen kann. Man ist sozusagen der kleine Mann im Ohr seines Schöpfers.
Na gut, kommen wir zu einer Auswahl dessen, was mich, oder besser gesagt, was meinen geistigen Vater und mich, also uns, im Laufe des Jahres berührt hat: Ganz sicher gehört dazu der Besuch im Wolfcenter Dörverden im April, das Wiedersehen dort mit unseren Freunden und die guten Gespräche, die wir hatten. Nicht zu vergessen die Faszination, die die Begegnung mit den Wölfen immer wieder auf uns ausübt.
Der Mai sollte dann DER Monat für meinen Schöpfer und Chronisten werden und das Burgturnier auf dem Landsitz der Grafen von Hardenberg in Nörten-Hardenberg die Bühne für die Präsentation seines aktuellen Krimis. Diese Abhandlung über meinen bisher letzten und sicher aufregendsten Fall hätte es verdient gehabt, im würdigen Rahmen des internationalen Springturniers einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Aber das Leben – oder in diesem Fall der Tod – schreibt seine eigenen Dramen. Wenn ein Reiter während des Turniers, nachdem er einen erfolgreichen Ritt im Parcours absolviert hat, auf dem Abreiteplatz vom Pferd steigt und tot zusammenbricht, verbietet sich die Präsentation eines Krimis mit dem Titel „Der letzte Sprung“ von selbst.

Buchpräsentation mit Carl Graf von Hardenberg

Buchpräsentation mit Carl Graf von Hardenberg

Was macht also ein Schriftsteller, dem es die Hoffnung auf den publikumswirksamen Start seines Werkes auf derart tragische Weise verhagelt? Richtig, er hört auf mich, den kleinen Hauptkommissar in seinem Ohr.
„Hey, nicht du bist gestorben! Und Niederlagen gehören nun mal zum Leben dazu“, habe ich ihn getröstet, „was glaubst du, wie viele Nackenschläge ich schon bei meinen Ermittlungen einstecken musste.“
„Und? Was soll ich tun?“, wollte er wissen.weihnachtsgeschichten
„Schreib Weihnachtsgeschichten und dann geh wandern.“
Zum Glück nimmt mein Schöpfer meine Ratschläge fast immer an. Das mit den Weihnachtsgeschichten hatte er sich zudem ja schon im April eingebrockt. Der Deal mit dem Verlag sah vor, bis Ende Juni das Manuskript mit den Geschichten abzugeben.
Eine klimatisch eher ungünstige Schaffensphase für winterliche Geschichten, zugegeben, aber da musste er durch. Ich habe ihm kurz erklärt, wie ich mit Extremsituationen umzugehen pflege und ihn gedrängt, sich auf die gleiche Weise mental einzustimmen. Danach hat er losgelegt – mit Erfolg, soweit ich es beurteilen kann.
Dann kam der Sommer und wir haben den Harz unsicher gemacht – er, mit Frau und Hund und ich, ausnahmsweise mal ohne meine Katrin, faul und bequem in seinem Ohr sitzend (irgendeinen Vorteil muss die Existenz als fiktive Person ja haben). Von einem Gipfel auf den anderen sind wir

Baumwipfelpfad Bad Harzburg

Baumwipfelpfad Bad Harzburg

gekraxelt, ob Brocken oder Wolfswarte, ob Baumwipfelpfad in Bad Harzburg oder Großer Knollen – es war einfach eine herrliche Zeit und ich habe es genossen, mich über Stock und Stein tragen zu lassen. In diesen Tagen ist mir klar geworden, dass ich endgültig im Harz angekommen bin. Ich bin jetzt ein Harzer Kind!
Apropos Harzer Kind – als die verbalen Totengräber aus Funk, Fernsehen und Presse im Sommer den Harz und besonders Osterode zum Altersheim und Elefantenfriedhof erklären wollten und das am Klischee von beige Hosen tragenden und Rollator schiebenden Greisen festmachen wollten, die angeblich als einzige Lebewesen in der Stadt herumstreunten, hatten sie eindeutig die Rechnung ohne den Wirt gemacht!
Plötzlich tauchten aus allen Ecken Harzkinder auf, die mit vitaler Energie gegen die Grabreden aufbegehrten und den selbstgefälligen Medien-Märchentanten und –onkels deutlich machten, wie jung und lebenswert ihre Stadt und der Harz sind.
11214060_1029217400442870_8940039999659914530_nUnter dem Dach mit Namen HARZKIND sammeln sich seitdem immer mehr Harzer jeden Alters, die für ihre Heimat einstehen und dem Harz ein junges, dynamisch-liebenswertes Gesicht geben. Ich muss sagen, meinen geistigen Vater und mich hat das tief beeindruckt und wir haben uns gern in die Phalanx dieser „Harz-Verrückten“ eingereiht.
Im September schließlich war wieder MORDSHARZ-Zeit. Fünf Jahre Krimifestival gab es zu feiern und wir durften das zusammen mit Krimigrößen wie Klaus Peter Wolf, Max Bentow, Zoë Beck und anderen tun. Ein Fest, das nicht nur uns Harzkindern, sondern auch den vielen Gästen aus Hannover, Berlin, Magdeburg und etlichen anderen Orten Deutschlands sehr viel Spaß gemacht hat.

MORDSHARZ - Königshütte Bad Lauterberg (mit F. Bode, K.P. Wolf, B. Göschl, E. Almstädt, R. Lange)

MORDSHARZ – Königshütte Bad Lauterberg (mit F. Bode, K.P. Wolf, B. Göschl, E. Almstädt, R. Lange)

Und sonst so? Zu mehr als einem Dutzend Lesungen haben Katrin, Holger und ich meinen Schöpfer begleitet. Ob er solo gelesen hat oder mit musikalischer Unterstützung von Con Aglio, Frank Bode, den beiden „Blue Guitars“ Dirk Heimberg und Till Spannaus oder dem Göttinger Bläserquintett – jede Veranstaltung war ein Ereignis, das wir nicht missen möchten.
So, und jetzt noch ein kleiner Ausblick zum Schluss: Ich unterziehe mich 2016 einer Operation. Ja, wirklich! Ist kein Witz! Meine alte Schusswunde macht mir immer noch zu schaffen. Danach gehe ich dann zur Reha in die Kirchberg-Klinik in Bad Lauterberg. Vor einigen Tagen habe ich mir

KIrchberg-Klinik (Therme)

KIrchberg-Klinik (Therme)

die Klinik schon mal angeschaut und mich bei der Besichtigung für einen Moment der Illusion hingegeben, einem Urlaub in einem 5-Sterne-Wellness-Paradies entgegenzusehen. Katrin musste diesen schönen Traum natürlich sofort zerstören und mir mit einer qualvollen Zeit in den Klauen verschiedenster Ärzte und Therapeuten drohen. Naja, warten wir’s mal ab …

Lichterfest Herzberg am Harz - Lesung zusammen mit Frank Bode

Lichterfest Herzberg am Harz – Lesung zusammen mit Frank Bode

 

 

Tja, das war’s auch schon. Aber kein Jahresrückblick ohne Wünsche für das kommende Jahr. Also dann: Ich wünsche mir und uns allen, dass die Besonnenen und Vernünftigen, die Menschenfreunde und Friedensstifter in Zeiten sich ausbreitender geistiger Verrohung und Verdummung, verbaler Brandstiftungen und tätlicher Übergriffe standhaft bleiben und einen festen Schutzwall bilden gegen diese eigentliche Bedrohung unserer Kultur und Gesellschaft.

In diesem Sinne,
ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr und Glück auf, Freunde!
Ingo

Home is where your Harz is

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Foto: © Patrick König, Wernigerode

Hallo Freunde,

aus aktuellem Anlass habe ich meinen Hauptkommissar gefragt, ob er mir gestattet, auf seinem Blog einen Beitrag in meinem Namen zu veröffentlichen. Großzügig, wie er ist, hat er eingewilligt. Dafür vielen Dank, lieber Ingo!

Vielleicht wissen es einige von Ihnen, dass die ARD vom 4. Bis 10. Oktober eine Woche zum Thema „Heimat“ gestalten wird. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels wird das Thema ebenfalls begleiten. Und während der Weihnachtsmarkt-Wochen in Osterode am Harz steht das 2. Adventswochenende unter dem Motto „Heimatliebe“.
Diese bevorstehenden Ereignisse, in die ich vermutlich an irgendeiner Stelle mit eingebunden bin, haben mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was „Heimat“ eigentlich für mich bedeutet. Es fällt mir nicht leicht, die richtigen Worte für eine Erklärung zu finden, denn „Heimat“ ist für mich in erster Linie ein Gefühl, weniger eine nüchterne Standortbeschreibung.
Klar, ich könnte sagen, Heimat ist da, wo man geboren und aufgewachsen ist, wo man wohnt, allein, oder mit seinen Angehörigen. Heimat ist da, wo man arbeitet, seinen Hobbys nachgeht, isst, trinkt und schläft. Mag sein, dass das alles dazugehört, aber das ist es nicht allein. Es muss noch mehr dazukommen, etwas, das die Definition aus der reinen geografischen Festlegung heraushebt.
Herbert Grönemeyer hat es in einem ARD-Interview meiner Meinung nach auf den Punkt gebracht. Sinngemäß hat er gesagt, dass man im Leben (in den meisten Fällen) mehrere Heimaten durchläuft. Entscheidend für das Heimatgefühl ist, wo die Menschen sind, die einem nahestehen, und wo sich das Herz geborgen fühlt. Leichtigkeit und Wärme sind ebenfalls zwei Begriffe aus Grönemeyers Wortschatz, mit denen er „Heimat“ definiert. Ich schließe mich diesen Worten gern und vollständig an.
Insofern möchte ich meine Überschrift „Home is where your Harz is“ (Danke für den schönen Satz deines Bruders, Dietrich Kühne) um folgenden Satz ergänzen: „Home is where your heart is“. Zusammengefasst beschreiben sie mein Heimatgefühl. Ich bin Harzer und sehe den Harz als meine Heimat. Die kann er aber nur sein, weil es über den Harz verteilt Menschen gibt, die mir nahestehen, denen ich nahestehe und in deren Nähe ich mich wohl und geborgen fühle.
Und aus diesem Gefühl heraus entwickelt sich dann auch immer wieder mein Wunsch, anderen Menschen meine Heimat näherzubringen, ihnen zu sagen: „Kommt, schaut euch meine Heimat an! Hier geht nicht alles den Bach runter, wie es von Außenstehenden gelegentlich publiziert wird, hier gibt es genug zu sehen und zu erleben. Vor allen Dingen aber gibt es hier tolle Menschen mit offenen Herzen, bei denen ihr willkommen seid.“
Bei aller Notwendigkeit von Grenzen, ich mag keine Heimat, die sich über Grenzen definiert, egal, ob es kommunale Grenzen sind, Grenzen von Bundesländern oder Staatsgrenzen. Oft genug sind diese Grenzen ja nicht nur (sichtbare) politische Grenzen, sondern auch Grenzen in den Köpfen. Dann grenzen sie ab und grenzen aus. Sie schaffen Orte, in denen Angst, Misstrauen und Missgunst regiert. Das sind keine Heimaten, das sind selbsterrichtete Gefängnisse.
Heimat ist kein begrenzter und schon gar nicht ein abgegrenzter Raum. Heimat ist offen und lädt Menschen ein, heimisch zu werden. Möglich, dass ich naiv bin, wenn ich glaube, dass noch immer die Mehrheit der Menschen in meiner Heimat so tickt, wie ich. Aber wenn es so ist, dann hoffe ich, dass es so bleibt und dass wir genug Abwehrkräfte gegen das Gift haben, das sich zur Zeit unter uns ausbreitet. Ich hoffe, dass ich mich auch in Zukunft in meiner Heimat heimisch fühlen kann und darf und nicht möglicherweise eines Tages erleben muss, dass ich aufgrund meiner Meinung, meines Glaubens, meiner Augenfarbe, meines Alters oder aufgrund welcher Umstände auch immer zu einem Fremden im eigenen Land erklärt werde und nicht mehr dazugehöre.
Ich liebe meine Heimat, egal, ob sie sich Katlenburg, Osterode, der Harz, Niedersachsen oder Deutschland nennt – solange es dort Menschen gibt, die offene Herzen haben und bestehende Mauern einreißen, anstatt neue zu errichten.

In diesem Sinn – Glück auf, Freunde!
Roland (Paul) Lange

Waschbären

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© SunnyS – Fotolia

Hallo Freunde,

am letzten Sonntag habe ich einen Spaziergang gemacht. Zusammen mit Katrin, Holger und dessen Frau Heike. Rund um Osterode. Es gibt da viele schöne Wanderwege.
Wie es der Zufall wollte, sind wir in eine ziemlich große Gruppe Spaziergänger geraten und mit ihnen ein Stück gegangen. Wir haben uns nett mit einem der Teilnehmer unterhalten.
Natürlich wollten wir wissen, ob sie alle einem Wanderclub angehörten und ob die kryptische Buchstabenkombination auf dem Transparent, das in der ersten Reihe hochgehalten wurde, der Clubname sei.
Erstens seien sie eine Vereinigung und kein Club, belehrte uns unser Gesprächspartner, und das „HaLagWa“ auf dem Transparent bedeute ausgeschrieben „Harzer Landbevölkerung gegen Waschbären“. Ihr Spaziergang sei demnach auch nicht als Spaziergang im eigentlichen Sinne zu verstehen, sondern als Protestmarsch, der jeden Sonntag stattfinde und dem sich immer mehr Menschen anschlössen. Vor zwei Wochen seien sie zehn Leute gewesen, heute bereits hundertfünfundzwanzig, Tendenz steigend.
Zugegeben, diese Aussage hatte mich einigermaßen irritiert. „Was haben Sie denn gegen Waschbären?“, wollte ich wissen.
„Na, hören Sie mal“, entgegnete der Mann, „Waschbären sind eine Gefahr für unseren schönen Harz! Sie überrollen unsere Landschaft, nisten sich überall ein, nehmen unsere Häuser in Besitz, klauen Gelege und morden Singvögel. Bald sind wir nicht mehr Herr im eigenen Haus und in unseren Schrebergärten hören wir auch nicht mehr das Trällern der Vögel.“
„Ach“, wunderte ich mich, „tatsächlich? Und bei Ihnen im Haus und im Schrebergarten ist das schon passiert?“
„Ich wohne in der Innenstadt zur Miete und einen Garten habe ich auch nicht!“, schnappte der Mann fast schon ein wenig beleidigt.
„Aber mit einem Waschbären hatten Sie schon zu tun?“
„Natüüürlich! Ich bin mal einem begegnet. So einem Monstrum!“ Er beschrieb mit den Händen ein Tier von der Größe eines Elefanten.
„Und wo?“
„Lag tot im Straßengraben. Überfahren.“ Der Mann machte eine kurze Pause, dann holte er zu einem kleinen Vortrag aus. „Wissen Sie“, sagte er, „im Prinzip habe ich nichts gegen Waschbären. Aber sie sollen in ihren Heimatländern bleiben. Da, wo sie hingehören. Im Harz haben sie definitiv nichts zu suchen. Sie passen nicht zu uns, wollen sich nicht integrieren, machen nur Terror. Gut, wenn sie friedlich sind und aus ihrer angestammten Heimat fliehen müssen, weil sie dort gejagt werden, sollten wir ihnen in Deutschland Unterschlupf bieten. Aber muss das ausgerechnet im Harz sein? Dagegen wehren wir uns. Weil die Politik nichts unternimmt. Immer nur Sonntagsreden. Aber wir sind das Volk und irgendwann kommt der Regierungsverein in Berlin nicht mehr an uns vorbei!“
Er japste und blickte wild um sich. Ich nutzte die Gelegenheit für einen Einwand: „Aber ist das nicht ein bisschen übertrieben? Die Statistik …“
„Die Statistik, die Statistik!“, fuhr er mir über den Mund. „Alles dummes Zeug! Zahlen, die die Gender-Politiker der gleichgeschalteten Lügenpresse hingeschmissen haben. Die Wahrheit sieht anders aus! Überhaupt, sehen Sie denn nicht, was alles im Argen liegt in unserem Land? Wir sollen Maut bezahlen, wir sollen die Sozialschmarotzer mit unseren Steuern durchfüttern, wir sollen Griechenland retten, wir sollen Zigeunerschnitzel nicht mehr so nennen … die Latte ist endlos! Moscheen, zum Beispiel, irgendwann haben wir nur noch Moscheen hier und keine christliche Kirche mehr! Ein Unding!“
„Sie sind gläubiger Christ?“, mischte sich Katrin in die Unterhaltung ein.
„Ich bin getauft und kirchlich getraut“, entgegnete er.
„Und sonst? Gehen Sie regelmäßig in die Kirche, engagieren Sie sich für Ihren Glauben, oder wie ist das?“
Er schüttelte wild den Kopf: „Nee, mit dem ganzen frommen Gedöns habe ich nichts am Hut. Die Pfaffen plappern doch auch nur das nach, was diese ganzen Gutmenschen von denen erwarten. Mit Kirche und Glauben können Sie mir gestohlen bleiben!“
„Also gehen Sie jetzt hier spazieren, um gegen Waschbären zu demonstrieren“, wunderte sich Katrin.
„Ja sicher! Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Heimat. Es gibt ne Menge Probleme. Aber der Waschbär, der ist eine echte Bedrohung für unsere Gesellschaft. Vor dem habe ich Angst. Deshalb will ich ihn nicht. Was meinen Sie denn, was ist, wenn wir ihn gewähren lassen? Was glauben Sie, was danach kommt? Na? Erst Waschbär, dann Wolf, verstehen Sie? Der W-Terror! Wenn der Wolf bei uns im Harz einfällt, dann Gnade unseren Schafen und Ziegen!“
„Sie haben Schafe und Ziegen?“, fragte Katrin.
„Gott bewahre, nein!“, rief er entrüstet aus. „Sehe ich etwa aus, wie ein Schafzüchter oder Ziegenhirte? Übrigens …“ Er wandte sich an Holger. „Ich kenne Sie doch, oder?“
„Diekmann“, antwortete Holger, „Online-Magazin Burgblick.“
„Wusste ich’s“, knurrte der Mann, „Lügenpresse.“
Von dem Augenblick an herrschte Schweigen.
Wir gingen noch eine Weile mit, dann scherten wir aus, um irgendwo einzukehren und Kaffee zu trinken. Nach der Begegnung mit der „HaLagWa“ hatten wir eine Stärkung dringend nötig.

In diesem Sinne – Glück auf!
Ingo

Er war Vermesser …

IMG_3251Liebe Freundinnen, liebe Freunde, vielleicht ist nicht jedem von Ihnen bekannt, dass mein geistiger Vater (im weiteren Verlauf nur noch „Vater“ genannt) mal auf Vermesser studiert und als solcher auch gearbeitet hat. Das war sein Brotberuf, denn allein meine Existenz hätte ihm wohl kaum das Überleben gesichert. Behauptet er jedenfalls. Vor einem Monat war dann aber Schluss mit dem Vermessen. Er wolle sich ab sofort nur noch seinem Hauptkommissar, also mir, widmen.
„Pass auf, Ingo“, hat er gesagt, „ich werde dich noch intensiver als zuvor bei der Aufklärung deiner Mordfälle unterstützen. Bevor ich mich aber ganz und gar aus meinem alten Leben zurückziehe, möchte ich der Welt da draußen ein Buch ans Herz legen, das ihr den Beruf des Vermessers näherbringt. Als so eine Art Vermächtnis. Kannst du das auf deinem Blog verbreiten? Das wäre mir sehr wichtig, denn so unverzichtbar die Arbeit des Landmessers ist, so wenig wissen die Leute doch darüber, außer dass es richtig teuer wird, wenn so ein Typ mit rot-weißen Stangen und Messband aufkreuzt.“
Vater meinte, mehr fällt den unbedarften Laien zu einem Vermesser bis heute nicht ein: Messband, rot-weiße Stangen, Stativ, in fremden Vorgärten rumtrampeln und -buddeln und teuer. Karl May und Old Shatterhand vielleicht noch, aber sonst?
Zum Glück, so Vater, gebe es jetzt aber ein Buch, das mit diesen antiquierten und obendrein völlig falschen Ansichten Schluss mache. Ein Buch, das er jedem, ob jung oder alt, wärmstens empfehlen möchte. Es heißt: „Ich hab eine Freundin, die ist Geodätin.“
Schon der Titel des Buches räume mit längst überholten Vorstellungen auf und zeige, was Vermessung heutzutage ausmache. Erstens: In der Welt der Vermesser gibt es Frauen! Und zweitens: die heißen Geodätinnen, was gleichzeitig den Abschied vom rüpelhaften und männlich-vermessenen Landschaftsfrevel bedeute und den Blick auf eine weiblich-feinsinnige, wissenschaftlich orientierte Berufsauffassung richte.
Wem diese Titelaussagen so exotisch vorkämen, wie der Beruf an sich, der solle das Buch auf jeden Fall erst einmal durchlesen, ehe er sich zu einem vorschnellen Fehlurteil hinreißen lasse. Sagte Vater. Der Buchinhalt selbst breite nämlich alle Facetten des modernen Vermessungswesens vor dem Leser und der Leserin aus und beschreibe eindrucksvoll, wie schon Kinder im Grundschulalter auf unterhaltsame Weise mit den vielschichtigen Aufgaben der Vermessung konfrontiert werden können.
Vater behauptete weiter, wenn ein Kind, wie im Buch beschrieben, schon am Frühstückstisch die komplexen Arbeitsabläufe einer Liegenschaftsvermessung und deren Bedeutung anhand eines Bebauungsplanes erläutert bekomme und das überlebe, werde es, vollgestopft mit Kakao, Nutellabrötchen und Bauplanungswissen auch den folgenden Exkurs in die Praxis zu seiner Freundin Gaby, der Geodätin, halbwegs unbeschadet aushalten. Er meinte, in dem Buch sei der Außendienst sehr schön und bildhaft beschrieben. Das Kind lerne so lustige Dinge kennen, wie Grenzsteine, Nivellier, Tachymeter und Reflektoren, es wisse kurz darauf um die Bedeutung von elektrooptischer Streckenmessung, von Horizontal- und Vertikalwinkelmessung. Selbstverständlich, so Vater, begreife das Kind am Ende des Tages auch die Kartenerstellung am Computer auf Basis der im Außendienst gesammelten Daten. Sogar die Vermessung mit Hilfe von GPS-Empfänger und Satelliten bereite keine Verständnisprobleme mehr und der Wunsch des kleinen Rackers, die Oma anzurufen und das gesammelte Wissen mit ihr zu teilen, werde übermächtig.
Vater glaubte, derart leichtverständlich in ein hochkomplexes Wissensgebiet eingeführt, werde sich jedes Schulkind wünschen, Geodätin zu werden und nicht etwa Pilot, Model, Fußballprofi oder DSDS-Gewinner. Und manch vorurteilsbehafteter Alt-Hippie, der das Buch lese und verstehe, werde sich mit Bedauern an seine Jugend erinnern, als es eine solch spannende Lektüre noch nicht gab und er deshalb beschloss, Pädagoge zu werden, anstatt Vermesser.
Vater ist jedenfalls überzeugt, dass das Buch „Ich habe ein Freundin, die ist Geodätin“ längst überfällig war und die althergebrachten Vorstellungen radikal umkrempeln wird, zumal auch die ökologischen Aspekte des Berufes noch einmal gesondert hervorgehoben werden, beschrieben am Beispiel eines ehemals verrohrten Baches, der in sein natürliches Bett zurückverlegt und dann vermessen wird.

Gut, ich will Vater in seiner Begeisterung für das Buch und für seinen alten Beruf sicher nicht bremsen, nur frage ich mich, warum ich dann nicht in seine Fußstapfen treten durfte. Warum hat er mich Ingo genannt und genötigt, zur Polizei zu gehen? Vielleicht wäre ich ja auch gern eine von diesen „Geodätinnen“ geworden. Mit Namen Inge!
Egal, es ist, wie es ist. Aber für diejenigen, denen die Berufswahl noch bevorsteht, ein guter Rat:
Lesen Sie zuerst das Buch und entscheiden Sie danach!

In diesem Sinne – Glück auf
Ingo

Das Buch:
„Ich habe eine Freundin, die ist Geodätin“
Eine Geschichte von Sylvia Schuster
mit Bildern von Dorothea Tust
24 Seiten, Softcover
Pixi Bücher, Carlsen Verlag
Artikelnummer 60605-01

Sommer in Schland

Schland

© Tom Hanisch – fotolia.com

Hallo Freunde,

was für ein Sommer war das bisher! Monsunregen, Tropenstürme und Sommerhitze, gepaart mit bis zu hundertfünfzigprozentiger Luftfeuchtigkeit. Und Weltmeister! Schon vergessen? Wir sind Weltmeister!

Wie konnte das passieren? Wie nur konnte Deutschland in Brasilien Fußball-Weltmeister werden? In einer Region, die dem normalen, Leistungssport treibenden Mitteleuropäer als geradezu lebensfeindlich erscheinen muss mit seinen klimatischen Bedingungen. Ein derartiger Erfolg widerspricht jeder Vernunft. Zumindest der Vernunft derer, die den Regenwald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Hätten sie nur auf unseren Jogi gehört! Der nämlich hatte die Zeichen der Zeit längst erkannt und den Klimawandel schon frühzeitig in seinen Masterplan für den Titelgewinn eingebaut. Ihm war als einem der Wenigen bewusst gewesen, dass der Begriff „Bananenrepublik“ die klimatischen Ist-Zustände unseres Heimatlandes beschreibt und nicht etwa die politischen, wie manche unbedarfte Zeitgenossen noch immer glauben. Nur dank solch ungetrübter Sicht auf die tatsächlichen Gegebenheiten konnte es ihm gelingen, seine Jungs vernünftig vorzubereiten und sie schon im eigenen Land zu akklimatisieren. Mental! Mental war und ist extrem wichtig. Weil der Klimawandel, wie alles andere auch, immer erst im Kopf ankommen muss, ehe er in den Rest des Körpers sickert. Kein Wunder also, dass es dank Jogis Durchblick und högschter Konzentration auf das Wesentliche zwangsläufig zu dem kommen musste, was außer ihm und seinen Tropenkickern niemand auf der Rechnung hatte – zum Titelgewinn!

Und mit diesem Titelgewinn tragen wir nun nicht nur einen vierten Stern auf unserer stolzgeschwellten Brust, nein, wir haben uns jetzt auch ganz offiziell zu „Schland“ gewandelt. Also, für alle, die es noch nicht wissen: Deutschland ist ab sofort nicht mehr Deutschland, sondern SCHLAND. Im Nachschlagewerk „Neuer Wortschatz“ des Mannheimer Instituts steht SCHLAND für „Deutschland als Land, dessen Bewohner ihre Fußballnationalmannschaft in einer Welt- oder Europameisterschaft feiern.“ Na bitte!
Ich weiß trotzdem nicht, ob dieser, äh … Wortschatz (Schatz?) ausschließlich mit der Nationalmannschaft zusammenhängt, oder vielleicht auch mit den feuchten, klimawandelbedingten Wetterkapriolen. Schland hört sich ja irgendwie ein bisschen wie Schmand an. Man könnte auch Schlamm sagen. „Deutschland als Land, dessen Bewohner ihren Klimawandel in einem Schlamm ins Dorf spülenden Starkregen feiern.“ Schlamm auf den Straßen und in den Kellern – Schland, das Schlamm- oder Schmandland.
Ich habe mal versucht, Katrin das zu erklären und gesagt, dass ich ja dann eigentlich kein Deutscher mehr sei, sondern ein Schländer. Worauf sie meinte, Schländrian träfe es wohl eher. Meinen Einwand bezüglich der Rechtschreibung besagten Wortes überging sie einfach. Stattdessen warf sie mir noch so ein paar unschöne Bemerkungen an den Kopf, wie etwa die, ich solle mal lieber meine bleichen Gebeine in die Sonne halten, anstelle meines komplett durchgegarten Kopfes. Ich glaube, sie nimmt mich nicht wirklich ernst, meine Katrin.
Ach, noch was – als Beispiele für die typische Verwendung des neuen Wortschatzes „Schland“ werden im Lexikon auch genannt: „Schland rufen, Schland brüllen, Schland grölen“. Wie es scheint, ist das in Ordnung und wir alle dürfen es machen. Ich verstehe das durchaus. Wenn man nämlich vom vollständigen Wort nur diesen einen DEUT weglässt, klingt das Ganze gegrölt und gebrüllt gleich viel mehr nach ungetrübter Lebensfreude und viel weniger martialisch und … naja, erdfarben.

In diesem Sinne – Glück auf und schönen Sommer noch, liebe Schländer und Schländriane
Ingo