Es ist wieder soweit. Der Mai steht vor der Tür und scharrt ungeduldig mit den Hufen. Aber nicht nur der Mai scharrt.
Wie alles pflanzliche und tierische Leben, bekommt auch der Durchschnittseinwohner des Sösetals dieses nervöse Zucken in den Gliedern, das ihn endgültig aus seiner Winterstarre reißt.
Die Förster (also die aus Förste, nicht die mit der Flinte) haben den jahreszeitbedingten, natürlichen Bewegungsdrang ihrer Mitmenschen schon früh erkannt und eine Möglichkeit geschaffen, die im Frühling wildwuchernden hormonellen Übersprunghandlungen zu kanalisieren. Sie organisierten die alljährliche Maiwanderung zum Jagdhaus im Westerhöfer Wald. Besser gesagt, der Turnverein des Ortes, der MTV, organisierte und alle, alle kamen.
Bis heute kommen sie hinauf zum Jagdhaus. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Menschenmassen aus den Ortschaften diesseits und jenseits des Westerhöfer Waldes in einer Art Sternwanderung auf das Jagdhaus zu. Zu Fuß kommen sie in den allermeisten Fällen, mi
t und ohne Kinderwagen oder –karren, mit Bollerwagen voller Bierkästen zuweilen oder mit Hunden im Schlepptau. Auch Fahrräder und Pferde dienen einigen als Fortbewegungsmittel, bleiben aber die Ausnahme.
Es ist wirklich erstaunlich, welche Energie den Menschen der westlichen Harzrandregion in diesen Tagen des Aus- und Aufbruchs innewohnt. Haben sich noch am Abend zuvor etliche von ihnen auf den zahllosen Walpurgisfeiern herumgetrieben und haben die Hexen vor sich hergejagt oder sich jagen lassen, so ist ihnen die Anstrengung am Tag darauf überhaupt nicht anzumerken. Tapfer und anscheinend ohne jegliche Ermüdungserscheinungen streben sie über die zahllosen Wege ihrem Ziel entgegen – zumeist bergauf. Respekt, kann der zugereiste Flachländer, also ich, da nur sagen!
Man muss fairerweise anmerken, dass die Verlockungen, die am Jagdhaus warten, nicht zu verachten sind und unter Umständen auch den Fußlahmsten aus dem Wohnzimmersessel treiben. Die Aussicht auf Maibock und Bratwurst oder auf belegte Brötchen und andere kulinarische Hochgenüsse
brechen jeden Widerstand. Manchmal auch die Wandermedaillen für den heimischen Trophäenschrank – naja, wer’s braucht …
Ich gehe auch hin. Gemeinsam mit meinen Freund Holger Diekmann und ein paar anderen vom Handwerkerstammtisch starten wir am Schwarzen Bären und quälen uns durch Feld und Flur zum Walde hin. Katrin marschiert derweil parallel mit den Frauen ihrer Tupper-Party-Clique.
Unser diesjähriges Motto: Getrennt wandern, vereint essen und trinken. Ein ideales Rezept, um die wintermüde Beziehung wieder in Schwung zu bringen. Probieren Sie es aus, es klappt!
In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo
P.S. Im Winter wird auch gewandert. Zwischen Weihnachten und Neujahr. Aber das ist was für Masochisten. Das tue ich mir nicht an. Hoch lebe der Kachelofen!





