Back to the roots – zurück zu den Wurzeln! Ein Satz, den jeder schon einmal gehört hat. Ob in Englisch oder Deutsch, das ist wurscht. Ein Aufruf zur Besinnung. Ein Appell, dem Machbarkeitswahn zu entsagen, bei dem man über kurz oder lang die Bodenhaftung verliert.
Das gilt insbesondere für den Sport. Immer schneller, immer höher, immer weiter, heißt dort die Devise. Nicht etwa durch die Kraft eines durch ehrliches Training gestählten Körpers, oh, nein! Sportanzüge aus High-Tech-Materialien, windkanalgetestete Renngeräte, leistungsfördernde Elixiere aus den Hexenküchen – das sind die Zutaten, aus denen heute Sieger gemacht werden.
Da frage ich mich natürlich, was hat das noch mit fairem Wettkampf zu tun? Wo ist er hin, der olympische Geist?
Liebe Freunde, ich sage Ihnen, wo er ist. In den Harz hat er sich verkrochen! Ganz weit nach oben. Dort lebt er, der Geist, der auf der roten Liste steht, weil vom Aussterben bedroht.
Aber alles deutet darauf hin, dass es hier oben, in der Abgeschiedenheit der Wälder, eine Auferstehung gibt, wie sie schon der Luchs und das Harzer Rote Höhenvieh erlebt haben.
Man darf guter Hoffnung sein, denn seit ein paar Jahren feiert der Olympische Geist in Braunlage eine Art Wiedergeburt, ganz in der Tradition der griechischen Urheber in seiner antiken Geburtsstätte.
Nackt, wie Gott sie schuf und wie es ihnen die Griechen dermaleinst vormachten, küren die Wintersportler jedes Jahr in Braunlage ihre Weltmeister beim Rodeln. Wie sehr die Sehnsucht nach den Grundwerten sportlichen Treibens in den Menschen steckt, mag man daran ermessen, dass in diesem Winter ein neuer Besucherrekord aufgestellt wurde. 25 000 Menschen haben ja gesagt zu den Traditionen Olympias, zu den Leistungen, die allein aus einem trainierten Körper kommen, bar jedweder (wind)schlüpfrigen Mikrofaser.
Auch ich war dabei (ohne Katrin – sie ist wenig sportbegeistert und geht lieber auf Tupper-Partys.) Ich war hingerissen von diesen jungen Wettkämpfern mit ihrer idealistischen Gesinnung und ihren strammen Körpern. Ich konnte mich nicht satt sehen an dem Muskelspiel der zu Tal rasenden Athleten und Athletinnen, daran, wie jede Körperextremität und -wölbung der unruhigen Schlittenfahrt Tribut zollte. Da flog alles frei umher, nichts war eingezwängt in aerodynamisch optimierte Rennanzüge. Was für eine Demonstration wahren olympischen Sportsgeistes!
Nun gut, ein paar Zugeständnisse an die Neuzeit sind bei aller Rückbesinnung auf Olympia natürlich nicht zu vermeiden. So dürfen beim Nacktrodeln auch weibliche Athleten an den Start gehen. Und Silikonimplantate in gewissen Körperteilen müssen der Chancengleichheit zuliebe nicht vor dem Start herausoperiert werden.
Das ist auch gar nicht nötig, denn ich habe es mit eigenen Augen gesehen:
High-Tech-Brüste stellen beim Nacktrodeln keinen Wettbewerbsvorteil dar.
In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo



