Wie einst in Olympia

Artikel-Ausschnitt Harzkurier, 20.02.2012

Back to the roots – zurück zu den Wurzeln! Ein Satz, den jeder schon einmal gehört hat. Ob in Englisch oder Deutsch, das ist wurscht. Ein Aufruf zur Besinnung. Ein Appell, dem Machbarkeitswahn zu entsagen, bei dem man über kurz oder lang die Bodenhaftung verliert.
Das gilt insbesondere für den Sport. Immer schneller, immer höher, immer weiter, heißt dort die Devise. Nicht etwa durch die Kraft eines durch ehrliches Training gestählten Körpers, oh, nein! Sportanzüge aus High-Tech-Materialien, windkanalgetestete Renngeräte, leistungsfördernde Elixiere aus den Hexenküchen – das sind die Zutaten, aus denen heute Sieger gemacht werden.
Da frage ich mich natürlich, was hat das noch mit fairem Wettkampf zu tun? Wo ist er hin, der olympische Geist?
Liebe Freunde, ich sage Ihnen, wo er ist. In den Harz hat er sich verkrochen! Ganz weit nach oben. Dort lebt er, der Geist, der auf der roten Liste steht, weil vom Aussterben bedroht.
Aber alles deutet darauf hin, dass es hier oben, in der Abgeschiedenheit der Wälder, eine Auferstehung gibt, wie sie schon der Luchs und das Harzer Rote Höhenvieh erlebt haben.
Man darf guter Hoffnung sein, denn seit ein paar Jahren feiert der Olympische Geist in Braunlage eine Art Wiedergeburt, ganz in der Tradition der griechischen Urheber in seiner antiken Geburtsstätte.
Nackt, wie Gott sie schuf und wie es ihnen die Griechen dermaleinst vormachten, küren die Wintersportler jedes Jahr in Braunlage ihre Weltmeister beim Rodeln. Wie sehr die Sehnsucht nach den Grundwerten sportlichen Treibens in den Menschen steckt, mag man daran ermessen, dass in diesem Winter ein neuer Besucherrekord aufgestellt wurde. 25 000 Menschen haben ja gesagt zu den Traditionen Olympias, zu den Leistungen, die allein aus einem trainierten Körper kommen, bar jedweder (wind)schlüpfrigen Mikrofaser.

Auch ich war dabei (ohne Katrin – sie ist wenig sportbegeistert und geht lieber auf Tupper-Partys.) Ich war hingerissen von diesen jungen Wettkämpfern mit ihrer idealistischen Gesinnung und ihren strammen Körpern. Ich konnte mich nicht satt sehen an dem Muskelspiel der zu Tal rasenden Athleten und Athletinnen, daran, wie jede Körperextremität und -wölbung der unruhigen  Schlittenfahrt Tribut zollte. Da flog alles frei umher, nichts war eingezwängt in aerodynamisch optimierte Rennanzüge. Was für eine Demonstration wahren olympischen Sportsgeistes!

Nun gut, ein paar Zugeständnisse an die Neuzeit sind bei aller Rückbesinnung auf Olympia natürlich nicht zu vermeiden. So dürfen beim Nacktrodeln auch weibliche Athleten an den Start gehen. Und Silikonimplantate in gewissen Körperteilen müssen der Chancengleichheit zuliebe nicht vor dem Start herausoperiert werden.
Das ist auch gar nicht nötig, denn ich habe es mit eigenen Augen gesehen:
High-Tech-Brüste stellen beim Nacktrodeln keinen Wettbewerbsvorteil dar.

In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo

Von Eseltreibern und Walfischrippen

"Altes Rathaus" und "Eseltreiber"

Wenn Sie meine Wahlheimat besuchen, liebe Freunde, kommen Sie an Osterode nicht vorbei. Und wer von Ihnen Osterode besucht, wird gewiss auch einen Spaziergang durch die Innenstadt machen. Für Leute, die unter Agoraphobie (Angst vor großen, leeren Plätzen) leiden, empfehle ich in diesem Fall für einen Besuch die Adventszeit mit dem Weihnachtsmarkt oder den Dienstag, zum Wochenmarkt. Dann ist der Osteroder Marktplatz oder Kornmarkt, wie er richtig heißt, keine leere Pflastersteinwüste mehr, sondern vollgepackt mit Verkaufsständen, Imbissbuden und anderen spannenden Attraktionen.
Haben Sie den Platz von Nordwesten kommend ohne Zwischenfälle nach Südosten durchquert und auch den kleinen Ableger “Martin-Luther-Platz” gemeistert, stehen Sie urplötzlich vor einem Haus, das mit seinem hohem Giebel und dem augenfälligen Erker majestätisch auf den Besucher hinabblickt und dessen Aufmerksamkeit auf sich zieht: Das “Alte Rathaus”. Das Attribut “alt” ist durchaus berechtigt, stammt das Haus doch aus dem Jahre 1552.
Sie sollten die Fassade des eindrucksvollen Gebäudes ruhig etwas genauer betrachten. Dann werden Sie schnell auf ein Kuriosum stoßen, das direkt unter dem Erker baumelt: Eine Walfischrippe! Die hängt dort mindestens schon seit dem 16. Jahrhundert. Drei Ellen lang soll sie sein und vor Hochwasser schützen. Ja, so sind sie, die Osteroder – wohnen rund 200 Meter über dem Meeresspiegel und haben Angst vor Hochwasser! Na gut,  die nahe Söse konnte der Stadt in früheren Jahren schon mal gefährlich werden, wenn es ganz dumm lief. Und die umliegenden Sösetaldörfer kennen das Nasse-Füße-Gefühl  allemal.

So, genug Walfischrippe geschaut! Drehen Sie sich um! Was sehen Sie? Richtig, eine Bronzeplastik. Keins von diesen Gebilden, in das man alles Mögliche hineininterpretieren kann, oh nein! Einen Mann mit seinem langohrigen Haustier stellt das Denkmal sehr realistisch dar – genauer gesagt, einen Eseltreiber.
Jetzt kommen Sie bitte nicht auf dumme Gedanken und bleiben Sie vorurteilsfrei. Das bronzene Pärchen repräsentiert keineswegs die Bevölkerungsstruktur der Kreisstadt, sondern erinnert an ein in der Vergangenheit bedeutendes Gewerbe. Einst versorgten die Eseltreiber nämlich die armen Bewohner der Oberharzer Bergstädte mit Brotgetreide. Das wiederum lagerte im Osteroder Harzkornmagazin, dem heutigen Sitz der Stadtverwaltung. Die Eseltreiber waren übrigens als selbstständige Kornhändler Mitglieder einer eigenen Gilde.
Wie sehr die Osteroder ihre Esel und deren Treiber schätzen, lässt sich nicht nur an dieser Plastik ablesen. Auch das Osteroder Online-Magazin “Eseltreiber.de” belegt das mit seinem Namen deutlich. Mein Freund Holger Diekmann (eifrige Harz-Krimi-Leser werden ihn kennen) hat sich bei der Gründung seines Online-Magazins “Burgblick” übrigens das Eseltreiber-Magazin zum Vorbild genommen.
Also, Leute, bitte in Zukunft etwas mehr Respekt und keine Witze mehr über Osterode und seine Esel!

In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo

Ermittlungen gehen vor!

Hallo, liebe Freunde,

machmal bleibt mir nicht so viel Zeit zum Plaudern, wie ich gern hätte. Ich habe nebenbei noch einen Beruf und als Kriminalhauptkommissar kann ich mir die Arbeit nicht nach meinen Bedürfnissen einteilen.

Kurz und gut – wenn die liebe Verbercherschar ruft, muss ich eilen und muss mein Mitteilungsbedürfnis etwas zurückschrauben. Daher bitte ich um Verständnis, wenn ich mich derzeit auf die Ermittlungen in meinem aktuellen Mordfall konzentriere.

Alle, die schon auf neue Beiträge von mir warten, sollten sich noch ein paar Tage gedulden. Keine Bange – bald geht es weiter mit neuen Geschichten aus INGOS WELT.

Ein schönes Wochenende wünscht
Ingo

By ingo behrends

Das Ende einer Beziehung

„Ist Marlene bei euch?”
Mit diesem Ausruf tiefster Sorge, gewürzt mit einem Schuss Hysterie, stürzte Anja Müller vor zwei Wochen in unseren Hausflur, kaum dass ich infolge ihres Sturmgeläuts die Tür geöffnet hatte.
„Nee, ist sie nicht“, erwiderte ich. „Sir Toby vermisst sie schon.“
Marlene ist die Freundin meines irischen Setters. Vielleicht sage ich aber schon jetzt besser, sie war seine Freundin. Ungefähr seit einem halben Jahr waren die beiden zusammen.
An einem Sonntag im vergangenen Herbst hat es zwischen ihnen gefunkt. Ich war bei Holger Diekmann zu Besuch (Sie wissen schon, der mit dem Online-Magazin ‘Burgblick’). Ausnahmsweise hatte ich Sir Toby dabei und der entdeckt auf dem Grundstück von Anja Müller, gleich nebenan, Marlene! Am Zaun hat sie gestanden, diese unscheinbare Promenadenmischung mit ihren riesengroßen schwarzen Kuhaugen.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Keine Ahnung, wie sich Sir Toby in so eine verkucken konnte. Ich hätte ihm wirklich eine standesgemäßere Partie gewünscht. Aber wo die Liebe hinfällt…
Marlene war fast jeden Tag bei uns. Sie kam immer unangemeldet und ohne Frauchen. Für ein, zwei Stunden wurde unser Garten zum Hunde-Liebesnest, dann brachten Katrin oder ich Marlene zurück nach Hause. Kein Wunder, dass Anja Müller jetzt zu uns kam und sich nach Marlenes Verbleib erkundigte.
„Mein Gott, wo soll sie denn nur sein?“, wimmerte Anja. „Wenn sie weg läuft, dann doch nur zu Sir Toby!“ Sie war den Tränen nahe. „Wenn sie nun gekidnappt wurde! Wie der Mops!“
„Mops? Welcher Mops?“, fragte ich einigermaßen konsterniert.
„Das musst du doch gelesen haben!“, fuhr sie mich in scharfem Ton an. „Hat im Harzkurier gestanden. Am 25. Januar. Ich weiß das noch ganz genau.“ Und dann zitierte sie: „Soko Mops fand gemopsten Mops, stand in der Überschrift. Da hat eine 74-Jährige in Frankfurt zusammen mit einer Freundin den Hund einer 93-Jährigen entführt. Angeblich wollten sie der Alten einen Gefallen tun und mit dem Hund Gassi gehen. Danach haben sie ihn aber nicht zurückgebracht. Die haben der einfach ihren Mops gemopst! Die Polizei hat daraufhin die „Soko Mops“ gebildet und den Hund gesucht. Zum Glück haben sie ihn gefunden. Er war unversehrt.“ Anja begann zu schluchzen. „Wenn diese Frauen sich jetzt bei uns rumtreiben und Hunde klauen … Ingo, ihr müsst auch so eine Soko bilden! Soko Marlene!“
„Nun mal ganz langsam“, besänftigte ich sie. „Lass es uns doch erstmal im Guten versuchen.“ Ich bin kein Freund polizeilicher Großaufgebote, arbeite lieber im kleinen Team. In diesem Fall mit Sir Toby, auch wenn der fast nie eine nützliche Hilfe ist. Aber hier lag die Sache anders. Ich warf ihn in den Kofferraum und mich hinter das Steuer meines Skoda Octavia. Dann sind wir losgebrettert. Anja blieb bei Katrin, um mit ihr zuhause die Stellung zu halten.

Wir fanden Marlene auf dem Feldweg zum Lichtenstein. Zusammen mit einem männlichen Begleiter. Ihrem neuen Lover. Sie wollte mit ihm durchbrennen. Sir Toby war geschockt. Erst hat er es gar nicht verstanden, dann träufelte die Erkenntnis so langsam in sein kleines Hundehirn und er hat sich an meiner Schulter die Augen ausgeheult.
„Sir Toby“, habe ich zu ihm gesagt, „keine Frau ist es wert, dass man ihr nachweint.“
Mittlerweile ist Sir Toby über den Verlust hinweg. Wenn wir abends zusammen vor dem Fernseher sitzen, reden wir ab und zu noch über Marlene. Aber da ist kein Schmerz mehr in seinen Augen. Stattdessen sagt mir jeder seiner Blicke, was ich schon lange weiß: Wahre Freundschaft gibt es nur unter … naja …

In diesem Sinne – Glück auf, Freunde
Ingo

Kleine Perlen

Buchhandlung Moller, Hauptstraße 133, Bad Lauterberg

Jeder Mensch hat neben seinem Berufs- auch noch ein Privatleben. Sollte er zumindest haben. Ich für meinen Teil muss da manchmal ganz schön strampeln. Viel private, und vor allen Dingen freie Zeit bleibt mir nicht.
Gerade diese Zeit will gut genutzt sein. Ob auf der Terrasse hinter meinem Haus mit Blick auf mein kleines Garten-Biotop und einem Glas Köstritzer in der Hand, ob beim Streifzug mit Sir Toby durch Wald und Flur oder auf einer kleinen (Vor-)Harz-Tour mit Katrin. Besonders auf diesen Touren riskiere ich gerne mal den Blick ‚um die Ecke‘, gehe dorthin, wo sich nicht alle Welt herumtreibt. Und dort finde ich sie dann, die kleinen Perlen, die aufzusuchen sich lohnt.

Eine Handvoll dieser Perlen am Wegesrand möchte ich Ihnen, liebe Freunde, hier vorstellen und hoffe, Sie können diese Liste mit ihren ganz persönlichen Schätzen füllen. Platz genug dafür findet sich weiter unten.
Fangen wir in Katlenburg an und arbeiten uns dann in den Harz vor.
Wer kennt eigentlich das Burgrestaurant auf dem Katlenburger Burgberg? Die Einheimischen, natürlich, und wohl auch manch einer aus der näheren Umgebung. Trotzdem sei es hier erwähnt. Der Blick nach Osten über das Vorharzland, den man von der Restaurant-Terrasse aus hat, ist fantastisch und hat mir meine neue Heimat aus einer ganz anderen Perspektive näher gebracht.
Weniger ein Ausflugsziel, aber eine Anlaufstation für alle, die mal wieder ‚richtige‘ Brötchen oder Kuchen wie aus Mutters Backofen essen wollen – in dem unscheinbaren Haus in Katlenburg-Berka, direkt an der Straße nach Osterode zaubert Jürgen (JoJo) Schulze noch gehaltvolle Backwaren mit Geschmack!
Weiter geht es nach Dorste. Haare schneiden und danach einen Kaffee trinken und leckere Torte essen? Das kann man, wenn man weiß, wo. In der Turmstraße versteckt sich dieses Kleinod. Hertels Salonkaffee ist ein echter Geheimtipp für alle Kaffeetrinker mit Frisurproblemen!
Aber nicht nur der Körper braucht Nahrung. Ein gutes Buch ist immer noch das beste Futter für den Geist. Bereits der Buchkauf kann zum Erlebnis werden, wenn man die richtige Buchhandlung aufsucht – Buchhandlung Moller in Bad Lauterberg, zum Beispiel! Klein, urig, voller Leben – es scheint, als sprächen hier die Bücher mit jedem, der das alte Lädchen betritt. Es ist eine kleine Bücher-Zauber-Welt mit Suchtfaktor, die man so schnell nicht vergisst.
Schon ein paar Schritte weiter kann man dann den Geruchssinn verwöhnen. Die kleine Kaffeerösterei Schnibbe präsentiert die ganze Welt des Kaffees und beschert dem Besucher wahre Sinnesfreuden für Auge, Nase und Gaumen.
Das Highlight jedoch – zumindest für mich – ist die Hammerschmiede in Zorge. Wer, liebe Freunde, erwartet im hinterletzten Dorf am südlichen Harzrand schon eine Whisky-Brennerei? Ich war jedenfalls platt und bin es immer noch, nachdem ich ‚Glen Els‘, den Harzer Single Malt gekostet habe!

Das also sind sie, meine kleinen Perlen. Sie stehen stellvertretend für weitere unentdeckte Schätze, die wir hoffentlich zusammen heben werden.

In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo