Wenn Sie meine Wahlheimat besuchen, liebe Freunde, kommen Sie an Osterode nicht vorbei. Und wer von Ihnen Osterode besucht, wird gewiss auch einen Spaziergang durch die Innenstadt machen. Für Leute, die unter Agoraphobie (Angst vor großen, leeren Plätzen) leiden, empfehle ich in diesem Fall für einen Besuch die Adventszeit mit dem Weihnachtsmarkt oder den Dienstag, zum Wochenmarkt. Dann ist der Osteroder Marktplatz oder Kornmarkt, wie er richtig heißt, keine leere Pflastersteinwüste mehr, sondern vollgepackt mit Verkaufsständen, Imbissbuden und anderen spannenden Attraktionen.
Haben Sie den Platz von Nordwesten kommend ohne Zwischenfälle nach Südosten durchquert und auch den kleinen Ableger “Martin-Luther-Platz” gemeistert, stehen Sie urplötzlich vor einem Haus, das mit seinem hohem Giebel und dem augenfälligen Erker majestätisch auf den Besucher hinabblickt und dessen Aufmerksamkeit auf sich zieht: Das “Alte Rathaus”. Das Attribut “alt” ist durchaus berechtigt, stammt das Haus doch aus dem Jahre 1552.
Sie sollten die Fassade des eindrucksvollen Gebäudes ruhig etwas genauer betrachten. Dann werden Sie schnell auf ein Kuriosum stoßen, das direkt unter dem Erker baumelt: Eine Walfischrippe! Die hängt dort mindestens schon seit dem 16. Jahrhundert. Drei Ellen lang soll sie sein und vor Hochwasser schützen. Ja, so sind sie, die Osteroder – wohnen rund 200 Meter über dem Meeresspiegel und haben Angst vor Hochwasser! Na gut, die nahe Söse konnte der Stadt in früheren Jahren schon mal gefährlich werden, wenn es ganz dumm lief. Und die umliegenden Sösetaldörfer kennen das Nasse-Füße-Gefühl allemal.
So, genug Walfischrippe geschaut! Drehen Sie sich um! Was sehen Sie? Richtig, eine Bronzeplastik. Keins von diesen Gebilden, in das man alles Mögliche hineininterpretieren kann, oh nein! Einen Mann mit seinem langohrigen Haustier stellt das Denkmal sehr realistisch dar – genauer gesagt, einen Eseltreiber.
Jetzt kommen Sie bitte nicht auf dumme Gedanken und bleiben Sie vorurteilsfrei. Das bronzene Pärchen repräsentiert keineswegs die Bevölkerungsstruktur der Kreisstadt, sondern erinnert an ein in der Vergangenheit bedeutendes Gewerbe. Einst versorgten die Eseltreiber nämlich die armen Bewohner der Oberharzer Bergstädte mit Brotgetreide. Das wiederum lagerte im Osteroder Harzkornmagazin, dem heutigen Sitz der Stadtverwaltung. Die Eseltreiber waren übrigens als selbstständige Kornhändler Mitglieder einer eigenen Gilde.
Wie sehr die Osteroder ihre Esel und deren Treiber schätzen, lässt sich nicht nur an dieser Plastik ablesen. Auch das Osteroder Online-Magazin “Eseltreiber.de” belegt das mit seinem Namen deutlich. Mein Freund Holger Diekmann (eifrige Harz-Krimi-Leser werden ihn kennen) hat sich bei der Gründung seines Online-Magazins “Burgblick” übrigens das Eseltreiber-Magazin zum Vorbild genommen.
Also, Leute, bitte in Zukunft etwas mehr Respekt und keine Witze mehr über Osterode und seine Esel!
In diesem Sinne – Glück auf, Freunde!
Ingo


